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Das Kreuz mit dem Kreuzeln
Fastdating
(Die ganze Geschichte ist in „Badenixe sucht mehr – Ein Streifzug durch die Partnerbörsen erschienen.)

Der gemütliche Couch-Sonntag neigt sich den zwanzig Fünfminuten-Dates zu. Zimtschnecke verlässt die Beautywerkstatt. Der warme Herbstwind begleitet sie zum Cafe Museum, wünscht ihr vor der Tür viel Glück. Drei Stufen führen sie in das Hinterzimmer. Der Veranstalter malt ein Hackerl hinter ihren Namen und drückt ihr die Nummer 15 in die Hand. Sie steckt es an den weißen Wollpullover und setzt sich hin. Angespannte Stille im Raum, Pre-Checking. Zimtschnecke lehnt im Loos-Stuhl. Vor ihr eine rosa-weiß gestreifte Karte, 20 Nummern, jede mit einem Ja- oder Nein-Kastel daneben. Multiple Choice der Liebe. Sie malt ein Vielleicht-Kastel dazu.

Die passenden Nummern paaren sich. Rechts von Zimtschnecke sitzt Pumuckl in weißem Hemd, feuerrotem Haar und schwerem Interesse an ihrem ersten Kandidaten. Mit einem kurzen Kopfnicken erkennen sich die beiden Frauen gegenseitig ihre Existenz zu.  Links sitzt die Dürre, ihr Gesprächspartner plagt sich. Der Kellner, der Richard Gere ähnlich sieht, nimmt Bestellungen auf. Der Veranstalter erklärt in Lichtgeschwindigkeit die Regeln: Er läutet die Glocke, die Männer wechseln zur nächsten Frau. Keine Ausreden, kein Firlefanz. Schnelltraining als pawlovscher Hund. Die erste Runde setzt Zimtschnecke aus. Ein Mann fehlt. Der Oberaufseher schüttelt die Glocke. Das Rennen beginnt. Dickes Stimmenchaos erfüllt den Raum.

Pumuckl will ihn nicht gehen lassen. Halb steht er schon, die Sesselkante in den Kniekehlen. Mit einem Ruck löst er sich von ihr, balanciert die Kaffeetasse, das Wasserglas und den Zuckerstreuer am silbernen Tablett zu Zimtschnecke. Sie fürchtet um ihren weißen Pullover. Er um seinen Kaffee. „Hallo, nur ein Sekunder’l bitte“, sagt er. Gibt Zimtschnecke Zeit zum Schnellcheck. Halbglatze, graues Haar, gestresste Gesichtszüge. Er faltet die obere Hälfte der Karte hoch, notiert die Bewertungsnoten ihrer Vorgängerin. Schifferlversenkenhaltung.

Er taucht hinter dem Geheimdokument auf, jetzt, nach erledigten Schreibarbeiten, konzentriert er sich auf Zimtschnecke. Sie nützt den Beobachtungsvorsprung, denkt sich „Techniker, anal fixiert“ und sagt „so was schon mal gemacht?“
„War beim Astro-Singletreff.“
„Hat es dir dort gefallen?“
„Ja, hab beim ersten Mal eine kennen gelernt, wir waren ein dreiviertel Jahr zusammen.“
Zimtschnecke fehlt die Übung in Zeitraffer-Selbstdarstellung. Er hilft. „Was machst du beruflich?“
„Kellnerin.“
„Ich bin Techniker bei einer Pharmafirma.“ Zimtschnecke freut sich über ihren richtigen Tipp. Er liegt beinahe am Tisch. „No, waun i scho so an toll’n Job hob muass is a sog’n“, stellt er seinen Scheffel unters Licht.
„Verkaufsorientierter Teaser?“ wundert sie sich. „Tanzt du?“ fragt er. Zimtschnecke schüttelt den Kopf. „A Frau, de net tanzt!“ ist er erschüttert. Sie fühlt seine Füße an ihren schwarzen Lederstiefeln. Entsetzen. Er zieht seinen Schnellanbandelversuch zurück. Die Glocke läutet. Zimtschnecke entscheidet sich für NEIN.

„Hallo, ich bin der“, sagt jemand vor ihr,  „Riese“ vollendet sie den Satz. EDV-Techniker beim Bundesheer, kein aktives Mitglied, nur Angestellter. Geschieden seit März, die Tochter lebt bei der Mutter, der 15-jährige Sohn bei ihm. Pubertierender Sohn. „Wusstest du, dass er laut Gesetz jeden Tag, auch an Schultagen bis 10.00 Uhr abends aus bleiben darf und an Wochenende sogar bis 1.00 Uhr morgens?“, fordert er den Justizminister auf, das bestehende Jugendschutzgesetz sofort zu ändern. Verläuft sich in der Analyse seiner 20-jährigen Ehe. Die Glocke stoppt ihn. Zimtschnecke hat gar nichts gesagt. Er schnappt sein Glas und geht zur Dürren.

„Servus“, unterbricht der nächste Kandidat ihren Halbgedanken über Vätersorgen und Füβler. Steirer kombiniert sie. „Ja, aus Liezen, net wirklich, aus dem Selztal, bin vor einem Jahr nach Wien gekommen, wollte die Matura nachmachen, hab im Februar angefangen, muss aber gleichzeitig arbeiten. Bis vier Uhr jeden Tag, dann ab sechs in der Schule, bis zehn, dass hab ich nicht durchgehalten“, erzählt er. Zimtschnecke schaut ihm ins runde, rosige Gesicht. „Was ist mit seinen Augenbrauen passiert?“ wundert sie sich. Die waren weg. Ein knallroter Streifen zieht sich wie eine Haltelinie hinter den Brillen. Sie will fragen, traut sich aber nicht. „Meine Freunde sagen immer, ich muss mehr ausgehen. Gestern war ich bei Dinner & Date. Sehr nett. Sechs Leute an einem Tisch, gutes Essen, schönes Lokal.“ Die Glocke unterbricht ihn bei der Beschreibung des Desserts.

Zimtschnecke betrachtet den Nächsten. Offenes Jeanshemd, speckteilender Ledergürtel und  helle Hosen. Vom Riesenkopf sind die Haare weggezogen. „Willst du einen One-Night-Stand, eine langjährige Beziehung oder mit mir siebzig werden?“ fragt er. Zimtschnecke lehnt dankend alle drei Optionen ab. „Ich bin Architekt, arbeite in der Innenstadt“, bietet er sich weiter an. „Ah, dann bist du ja im richtigen Lokal! Magst du Loos?“, versucht Zimtschnecke eine Smalltalk-Flucht. „Loos hätte es nicht gewollt. Er war sehr modern, und das hier ist nicht mehr modern. Mein nächster Urlaub geht nach Kuba, bevor Castro stirbt“, wechselt er zu sich selbst zurück. „Pues, mi amorsito, vas a ir solito“, (Mein Liebling, du wirst alleine fahren) denkt sich Zimtschnecke. Das pawlovsche Training geht weiter.

Blaue Augen saugen sich an ihr fest. Außer denen sieht sie nicht viel. Ist fasziniert. Traut sich dann über den restlichen Mann. „Deine blauen Augen machen mich so sentimental“, summt Zimtschnecke. Tiefe Geheimratsecken hocken auf seinem länglichen Kopf, ledrige Haut knittert um den Hals. „Ja, meine Freunde sagen, die werden noch intensiver wenn ich besoffen bin“, verwirrt er sie. „Wenn du mich so anschaust,wird mir alles andere egal“, covert sie Ideal. „Ich arbeite im Ersten, bin Versicherungskaufmann, der sechste und siebte Bezirk sind mein Revier. „Da bleib ich kühl, kein Gefühl“. „Ich bin viel wandermässig unterwegs, auch beim Heurigen, laufe gern in der freien Natur.“ „Die ganze Szene hängt mir aus dem Hals“, singt sie weiter.

Zimtschnecke setzt wieder aus. Der fehlende Mann beschert ihr fünf Ruheminuten, sie ist ihm dankbar und spendiert ihm ein gedankliches Bier. In ihrem Kopf rasen die Männer umher. Sie versucht sie zu etikettieren. Das gemütliche Sonntagfeeling verpufft in Halbsätzen und Gedankenfetzen. Die Glocke läutet eine neue Runde ein.

Der Angstgegner setzt sich ihr gegenüber. In seinem Glas ist nur mehr ein halber Zentimeter Flüssigkeit. „Geizig“, analysiert Zimtschnecke. Er stottert. Ist nervös. Ist so hässlich, das er ihre Theorie, man kann mit jedem Menschen fünf Minuten reden, zerstört. „Ich wandere gerne, fast jedes Wochenende, mit dem Alpenverein“, hört sie aus dem sehr breiten Mund kommen. „Das ist der erste dreieckige Kopf, den ich sehe“, denkt Zimtschnecke. Studiert seine Anatomie. „I-I-Ich mag Musik. Kl-kl-klassische Mu-mu-musik.“ „Wer ist dein Lieblingskomponist?“ fragt sie. Untersucht seine Nase. Erinnert sich an ein altes Kabarettstück von Gunkl: Gott bastelt Tiere zusammen, beim Schnabeltier, sagt sein frecher Gehilfe, „das traust dich nie.“ Gott traute sich und noch mehr. Er hat dieses anatomische Wunder geschaffen. In seiner übelsten Laune muss er in der Gesichtsteilekiste gewühlt und den Angstgegner gebastelt haben. Direkt an der winzigen Nase sitzen die schielenden Augen, überdacht von schwarzen Haarbalken, in eine leinwandartige Stirn übergehend, die sich kaum gegen den Ansturm dicken Haares erwehrt. „Ich mag alle“, hört sie ihn sagen. „Keinen Liebling?“ „Verdi, Mozart, Bach, Beethoven, Schubert, da Vinci.“ Der helle Glockenklang übertönt ihren Einspruch, da Vinci’s wegen.

Der nächste Sparingpartner zieht den Stuhl näher. „Hallo, ich komm aus Oberösterreich, wohn jetzt in Mödling, bin dazwischen wieder nach Oberösterreich gezogen, dann zurück nach Mödling. Meine Hobbys sind Rad fahren, lesen, wandern und im Winter Schi fahren. Ich bin Kältetechniker von Beruf, 32 Jahre alt. Single“, handelt er sich durch sein Profil. Nichts erweckt Zimtschneckes Interesse. Sie findet keinen Einklinkhaken, um das Gespräch weiterzuführen. Aus dem Augenwinkel sieht sie einen Mann Pumuckl auf die Wange küssen. Der Vielumzieher redet. Die Glocke schickt ihn weiter. Der Küsser bewegt sich nicht. Klebt an Pumuckl. Zimtschnecke lehnt sich zurück, hofft dass er weiter plaudert und ihr eine Date-Pause gönnt. Er schaut schuldbewusst zu Zimtschnecke, sie deutet ihm, sitzen zu bleiben. Er missversteht es und hetzt zu ihr. Vorwurfsvoll sagt er, „Sorry“. „Wieso hast du sie geküsst?“ fragt Zimtschnecke. „Ah, sie hat was Liebes gesagt über meine braunen Augen, als Mann kriegt man ja nicht viele Komplimente. Hab mich gefreut und sie geküsst.“ Kuhaugen. „Ich bin verheiratet“, überrascht er Zimtschnecke, „mit einer Russin.“ Ihren fragenden Blick beantwortet er mit, „damit sie hier studieren kann.“ Die Glocke unterbricht ihn, er küsst sie nicht und geht zur Dürren.

„Hallodi“, sagt Bubigesicht. Zimtschnecke mag nicht mehr. Lächelt tapfer. „Mein größtes Problem ist mein jugendliches Aussehen, keine Dreißigjährige nimmt mich ernst. Bloß die Fünfzehnjährigen versuchen mich abzuschleppen“, versucht er Zimtschnecke ihr Desinteresse an ihm auszureden. Es hat gar nichts mit ihm zu tun. „Ich bin professioneller Schlossknacker“, verbraucht er seinen sicher ältesten Schmäh. Richard Gere bringt ihr ein Glas Blaufränkischen.

Es läutet. Es klingelt. Es bimmelt. Es schellt. Mehr Männer ziehen an ihr vorbei. Sozialarbeiter mit Burn-out-Syndrom, Verbindungsbeamte beim Finanzamt, Bankangestellte, Wanderer, Radfahrer, Schifahrer, Selbstdarsteller, Selbstbewusste, Langweiler und Harald. Mit dem geht sie auf ein Bier, weil er ihr Zwerchfell trainiert.

Bei Guinness und Irischen Weisen erzählt Zimtschnecke „einer sagte er wäre Legastheniker und kennt sich mit seinen Kreuzen nicht mehr aus“. „Die große, blonde Deutsche behauptet, sie sei Zahnarztassistentin, weil wenn sie sagt, sie sei Dentistin, will keiner was mit ihr zu tun haben. Die Männer kriegen richtig Angst vor ihr“, lacht Harald. Er hat keine und kreuzt sie an.

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