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Geschichte der Selbstbefriedigung
von Marie Keegan

Jeder tut’s, wenige reden darüber. Statistisch betrachtet masturbieren mehr Männer (ca. 92 %) als Frauen (ca. 60 bis 70 %).

Haben Singles ein erfülltes Sexleben nach dem Singledasein? „Ja“, sagen die Sexualforscher, „weil der Single sich selbst befriedigt und alle Zonen seines Körpers voll erforscht. Somit kann er dem nächsten Partner genau sagen, was sie/ihn anturnt. Wir haben uns auf die Suche nach der Geschichte der Selbstbefriedigung begeben.

Die ersten Zeichen von Selbstbefriedigung finden sich in einer Lehmfigur aus dem 4. Jahrhundert vor Christus, gefunden im Tempel Hagar Qim in Malta. Es ist eine masturbierende Frau. Von den Sumerern ist überliefert, dass der Gott der Weisheit Enki onanierte und damit den Fluss Tigris anfüllte.

 

 

 


 



Die Ägypter
Atum, der Sonnengott kam auf die Erde und da er ganz alleine war, masturbierte er. Aus seinem Samen entstanden der erste Gott und die erste Göttin. Shu und Tefnut wurden die Eltern aller restlichen Elemente auf der Welt. Weniger nachsichtig war Isis, die Göttin der Liebe, als sie ihren Sohn Horus, den Himmelsgott, bei der Selbstbefriedigung erwischte. Sie schlug ihm die Hände ab. Überlegte es sich anders und „klebt“ sie wieder an. Um ihm die volle Funktionsfähigkeit zurückzugeben holte sie Horus gleich einen runter. Jährlich wird das Fest von Min, Gott der Sexualität, veranstaltet. Männer wixen öffentlich um ihren Gott zu dienen.

 

Atum

Die Griechen
„Hermes, der Götterbote, erfand das Masturbieren“ behauptet Diogenes. Selbstlos gab er es an seinen Sohn Pan dem Hirtengott weiter, um ihm aus seiner ewig währenden Depression zu helfen. Pan hatte versucht Echo zu verführen und war gescheitert. Allgemein sahen die Griechen die Selbstbefriedigung als gesund an: Es hilft gegen destruktive sexuelle Frustration. Die Frauen kauften gerne Sextoys aus der Stadt Miletus in Kleinasien. Sie besorgten sich Dildos aus Leder, Holz oder Elfenbein. Es gibt einen überlieferten Dialog zwischen Metro und Coritto. Metro will sich Corittos knallroten Dildo ausborgen, aber die hat ihn an jemand anders verliehen. Metro fleht Coritto an ihr den Namen des Herstellers zu geben.

 

Hermes, Pan

Die amerikanischen Indianer
Nannten das Masturbieren der jungen Leute als „Erwärmung des Herzens“.

Masturbieren im Mittelalter
Natürlich war der Teufel daran schuld: Er verführte sogar gute Christen. Der Satan erschien den Schlafenden nachts in Gestalt des Incubus, lateinisch für „der auf der Frau liegt“ oder als Succubus, lateinisch für „der unter einem Mann liegt“. Die Juden und Christen sorgten sich weniger um Icubus als um Succubus, weil die Ergüsse als eine Verschwendung des männlichen Samens galten. Die Ärzte waren überzeugt, dass Sperma als Körperflüssigkeit viel wichtiger ist als Blut und übermäßige Ergüsse zur Schwächung des Körpers führen kann. Im Talmud (Nidda 13 a) wird das Masturbieren als schwere Sünde geahndet und mit dem Tod bestraft.

 

Darstellung Mann

Im 17.Jahrhundert
Schien in Frankreich noch alles in Ordnung zu sein, immerhin wies der Leibarzt des König Ludwig XIII. Kindermädchen an, sie sollten zur „abendlichen Beruhigung“ Jungen im „Kitzeln des Penis“ unterweisen.

Ludwig XIII

Das 18. Jahrhundert:
Der Wunderheiler Bekker publizierte 1710 in England ein anonymes Pamphlet mit dem Titel „Onanie- oder die abscheuliche Sünde der Selbstbefleckung und all ihre schrecklichen Folgen für beide Geschlechter, betrachtet mit Ratschlägen für Körper und Geist". Er basierte seine Theorie des „verschwendeten Samens“ des Onan. In der Bibel steht, das Onan sich weigerte die Witwe seines Bruders zu schwängern. Sie hatten Sex, aber er ließ „seinen Samen zur Erde fallen“. Die abstrusen Ideen des Wunderheilers fanden großen Anklang. Das Pamphlet wurde 80ig mal aufgelegt.

John Marten, Quacksalber von Beruf, veröffentlichte 1712 das Pamphlet Onania, in dem er die These aufstellte das Masturbation zu Pocken und Tuberkulose führen können. Geschäftstüchtig wie er nun mal war, publizierte er gleichzeitig pornografische Schriften. Und bot ein Allheilmittel gegen die Selbstbefriedigung an.

Der Schweizer Arzt Samuel-Auguste Tissot druckte 1760 das Buch „Onanismus - oder eine Abhandlung über Krankheiten, die durch Masturbation entstehen". Er schrieb nicht nur, dass Masturbation eine Sünde sei, sondern die Ursache vieler Krankheiten: „Schwindsucht, Verlust der Sehkraft, Störungen der Verdauung, Impotenz und Wahnsinn". Er begründete damit die Schule, dass Selbstbefriedigung an allen möglichen Krankheiten Schuld sei und hatte Erfolg damit.

 

 

Tissot

Grosse Denker wie Immanuel Kant oder Voltaire verdammten die Selbstbefriedigung. Kant schrieb in Metaphysik der Sitten, dass die „wohllüstige Selbstschändung“ eine Verletzung der Pflicht des Menschen gegen sich selbst sei: Der Mensch ergibt sich seinen eigenen Trieben. Er bewertete Masturbation als ein schlimmeres moralisches Vergehen, als Selbstmord

Und Jean-Rousseau schrieb das es für seinen Helden Emile besser sei eine „Ungünstige“ Partnerschaft mit einer Frau einzugehen, als sich selbst zu befriedigen.

In England
Wurde es Frauen verboten Pferde zu reiten, oder sich beim Wäsche waschen hin zu kauern, weil die Moralisten vermuteten, das sie „Gefühle“ kriegen könnten
.

 

 
Kant

19. Jahrhundert
Benjamin Rush ging 1812 noch weiter und fügte der Liste der Krankheiten verursacht durch Onanieren einige hinzu: Samenschwäche, Impotenz, Schmerzen beim Wasserlassen, Rückenmarksschwindsucht, Lungenschwindsucht, Verdauungsstörungen, Sehschwäche, Schwindelgefühle, Epilepsie, Hypochondrie, Gedächtnisschwund, Mannesschmerz, Verblödung und Tod.

Im Jahre 1866 veröffentlichte die erste Frau Elisabeth Blackwell, die als Ärztin in den Staaten die Universität verließ, ein Pamphlet für Eltern, wie sie mit Kindern und derer Sexdrive umzugehen haben. Sie fügte zu der Mythenliste hinzu, dass Männer die masturbieren, später zu häuslicher Gewalt tendieren.

Die Kirche
Fand in der Bibel keinerlei Hinweise auf Masturbation und derer Verdammung, deshalb musste man eine neue Auslegung des Ehebruchsgebotes finden. Schwieriger war es den Unverheirateten nahe zu bringen, dass sie eine Sünde begehen, wenn sie sich selbst befriedigen.

Therapie und Diät
Klagten Patienten über Teilnahmslosigkeit, hatten schwache oder flackernde Augen, eine blasse Hautfarbe, schlechte Haltung und zitternde Hände war die Diagnose Selbstbefleckung. Nachdem die Diagnose stand, wurden verschiedene Therapien angewandt. Die Ärzte entwickelten Diäten, oder verordneten eine harte Matratze mit dünner Decke ausgelegt in einem kalten Raum und ständiges Waschen mit kaltem Wasser. Außerdem wurde ein Feldzug gegen Hosen gestartet: die würden die männlichen Geschlechtsteile zu warm halten, deshalb sollten Männer auch Röcke tragen.

Der britische Psychiater Maudsley schrieb im Jahre 1897, dass Masturbieren zu Mord und Selbstmord führen. Er schlug vor die Selbstbefriediger einzusperren um sie vor sich selbst und der Gesellschaft zu schützen. Der Masturbationswahnsinn galt im fortgeschrittenen Stadium als unheilbar. Um ihn zu verhindern wurden Eltern angehalten ihre Kinder ans Bett zu fesseln, ihnen Eisenhandschuhe mit Dornen anzuziehen, Bandagen anzulegen oder sie mit einem Keuschheitsgürtel zu bekleiden. Half das alles nichts, konnten die Eltern den „Erektionsdetektor" am Penis des Sohnes anbringen: Eine kleine Glocke läutete im elterlichen Schlafzimmer wenn der Sohn eine nächtliche Erektion hatte. Für ganz schlimme Fälle wurde die Infibulation angewandt: In einem chirurgischen Eingriff wurde Männern ein Metallring in die Vorhaut einoperiert um die Erektion zu vermeiden. Frauen wurden durch  Klitoridektomie verstümmelt, man schnitt ihr die Klitoris heraus. Oder die Ärzte verbrannten, verätzten die Geschlechtsorgane. Der Erfinder der Klitoridektomie war ein englischer Arzt: Isaac Baker-Brown. Er wurde aus der Akademie ausgeschlossen und schließlich verrückt. (Vielleicht hätte er mal masturbieren sollen!)
Dr. Robert Battey aus Rome, Georgia, entwickelte Battey’s Operation: Er entfernte gesunde Eierstöcke und glaubte damit den „monatlichen Menstruations-Wahnsinn“, Nymphomanie und Masturbation zu heilen.

 

 

Benjamin Rush

Elisabeth Blackwell

 

Guertel

 

Korsett

20. Jahrhundert
Sylvester Graham erfand den Grahamkeks. Dieser sollte die Lust bannen. Er glaubte nicht nur ans tägliche Zähneputzen und das frisches Wasser gesund ist, sondern auch, das Männer bis 30 überhaupt keinen Sex haben sollten und dann nur einmal monatlich um sich nicht selbst zu schwächen. Wegen seiner Idee sich nur vegetarisch zu ernähren wurde er des öfteren von New Yorker Fleischhauern tätlich angegriffen.

 
Cookies

Ihm folgte der Cornflakes-König John Harvey Kellog, er erklärte das Sex nur zur Zeugung von Kindern zu praktizieren sei und alles anderes sexueller Exzess sei. In seiner Hochzeitsnacht schrieb er an seinem Buch „Pure Fakten für Jung und Alt“, 97 Seiten des 644 Seiten Wälzers handeln von den 39 Übeln des Masturbierens: Schlaflosigkeit, Einsamkeit, Kahlköpfigkeit, Rauchen, Akne und seltsame Essensgelüste. Er empfahl Jungen nur kalte Frühstücksflocken zu servieren, um jegliche Selbstbefriedigungsgelüste einzufrieren.
Kellog leitete ein Sanatorium und nahm Masturbierende erst gar nicht auf, weil er keine Heilungsmöglichkeiten für sie hatte. Ah, und er vollzog die Ehe mit seiner Frau Ella Eaton niemals.

 

Kellog

 

Viel aufgeschlossener ging Freud auf das Thema zu und schrieb: "Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass die Selbstbefriedigung die einzige große Gewohnheit des Menschen ist, das grundlegende Bedürfnis." Er vertrat die Gegenthese, das Masturbation  in der Jugend natürlich sei und für Kinder förderlich, um die eigene Sexualität zu entdecken. Exzessive Masturbation sah er jedoch als mögliche Ursache für Neurasthenie an.

 
Freud

Es war der berühmte Kinsey Report, der 1948 erschien und alles änderte. Plötzlich wurden all die Dämonen und Mythen über die Selbstbefriedigung wegdiskutiert. Kinsey Institute New Report on Sex
1971 schrieben Goldstein, Haeberle & McBride, dass Masturbation die häufigste praktizierte Sexart ist unter den Menschen. Dr. Joycelyn Elders ging vielleicht im Jahr 1993 ein bisschen weit, als sie vorschlug man sollte in öffentlichen Schulen Selbstbefriedigung lehren. Aber dafür gibt es jetzt ja das Internet. Und zum Abschluss wider all der alten Ärzte: Beim Mann kann regelmäßiges Masturbieren sogar dem Prostatakrebs vorbeugen.

 
 

 

   
 

Wortstamm
Das Wort Masturbation kommt aus dem lateinischen „mas-„ (männlich) und „turbare“ (heftig bewegen) oder vom Wort manustupratio von manus „Hand“ und stuprum.  „Unzucht“. Andere behaupten wieder es kommt von manus sinistra, „die linke Hand benutzen“, diese galt bei den Römern als unrein.

Außergewöhnliche Methoden:

Der Autofellatio und der Autocunnilingus. Laut dem Kinsey Report sind nur 0,3 % der Menschen gelenkig genug um es zu tun. Dargestellt wird er meist in gefälschten Fotos, und im Film Shortbus (Einzel-DVD). Dieser spielt nach 9/11 in New York, ein schwules Paar, eine Paartherapeutin, eine Domina lernen sich kennen und lieben.

 

   
 

Buchtipp:
Die große Lust an der eigenen Lust. Tipps und Tricks zur Selbstbefriedigung für Mann und Frau.
Tipps und Tricks zur Selbstbefriedigung für Mann und Frau (Audio CD)
von Alexa Adore (Autor), Joe Toro (Autor), Constanze H.E. Köpp (Autor) "Sagen Sie nichts gegen Masturbation - es ist Sex mit jemandem, den ich sehr liebe", sagte schon Woody Allen. Ein Ratgeber der neben den vielen Spielarten auch noch historischen Hintergründe von Masturbation und Selbstbefriedigung auf den Grund geht.

 

   
 

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