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Singletagebuch
Die Abenteuer eines Singles in Wien
erlebt und aufgezeichnet von Singleline
Verfrühtes Halloween
Der Ex
Der Ex, die Zweite
Untreue Väter
Der Kernöl-Schwarzhändler
Wie Tanja sich wieder versöhnte
Fat lady tells it all
Der Tag davor
Die Hochzeit
Sex auf Krankenschein
„Die heiße Sau“
Verfrühtes Halloween
Am Tag der endgültigen Trennung von meinem letzten Freund brannten alle drei Spots im Badezimmer aus. Ich versuchte Zähne putzen in vollkommener Dunkelheit, aber das war genauso schwierig wie Beine rasieren bei Kerzenlicht. Also holte ich die Holzleiter, stellte sie auf und kletterte hinauf, nur um herauszufinden das extra hohe Altbauwohnungen nicht nur schwer zu heizen sind. Ich streckte mich und schaffte es mir die Klippverschlüsse des Spothalters auf den Daumen und Zeigefinger zu schnappen. Schreiend stand ich auf der Leiter und sah den wachsenden Blutergüssen unter meinen Fingernägeln zu. Nach 45 Minuten strahlte wieder Licht auf die Staubwuzeln im Badezimmer.
Nach den üblichen Aktivitäten eines nagelneuen Singles, wie Haare färben, Wohnung auf Hochglanz polieren und eine langes Wochenende im Wellnesstempel stellte ich mich der Langeweile. Der Flatscreen stand immer noch da. Er hat ihn nicht mitgenommen, weil er Angst hatte, dass er den Transport aus dem vierten Stock bis zu seinem Auto nicht überleben könnte. (Der Lift im Haus ist seit Monaten behördlich gesperrt). Ausgerechnet bei einem Film über einen Serienmörder im Leichenschauhaus blieb ich hängen. Um 3 Uhr morgens verkroch ich mich ins Bett. Konnte nicht schlafen, die augenlosen weiblichen Leichen krochen in meine Träume. Das Oktoberwetter heulte mit seinen Winden und Regenschauern im Innenhof herum, ließ Fenster knallen und den Dachboden knarren. Bei jedem Geräusch schreckte ich auf. Sah Mörder und Vergewaltiger in meiner Wohnung herumschleichen. Am nächsten Morgen entdeckte ich, dass ich den Wohnungsschlüssel hatte außen stecken lassen.
Ein paar Tage später freute ich mich auf ein heißes Bad mit Mandelöl, als ich herausfand, dass ich einen neuen Mitbewohner habe. Eine faustgroße Spinne hatte sich in meiner Badewanne einquartiert. Nach dem Aufschrei, ich glaube meine Nachbarn haben sich an mein Geschrei schon gewöhnt, holte ich den Staubsauger und die Spinne verschwand im Staubbeutel.
Ich fragte mich, bin ich plötzlich ein Feigling geworden? Hab ich Angst vor Einbrechern und Spinnen?
Bei einem gemütlichen Abend der Singlegirls warf ich das Thema nebenbei ein und schien auf etwas gestoßen zu sein. Bea fürchtet sich am meisten davor in der Badewanne auszurutschen und sich dabei so schwer zu verletzen, dass sie es nicht mehr bis zum Handy schafft und verblutet. Jasmins größte Angst ist es, sich an ihrem geliebten Popcorn zu verschlucken, während sie Desperate Housewifes schaut und niemanden hat, der ihr auf den Rücken haut.
Eli wohnt in einer uralten Wohnung, sie schaltet jeden Abend einen Ventilator ein, um die knackenden Geräusche zu übertönen. Luisa hat sich einen Bodyguard zugelegt, einen 50 kg schweren Rottweiler.
Fabi hingegen nützt die Horrormovies voll aus. Sie lädt ihre Dates regelmäßig zu einem Movieabend ein, Scary movies, „da kann frau sich so herrlich an die männliche Brust schmiegen“.
Ich erzählte die Geschichte vom vergessenen Schlüssel. Luisa lehnte sich vor und sagte, „es ist dir klar, dass ein potentieller Mörder oder Vergewaltiger einen Wachsabdruck von deinem Schlüssel gemacht haben kann und nur auf den richtigen Zeitpunkt wartet um dich zu überfallen.“
Am nächsten Tag ließ ich das Türschloss austauschen.
Der Ex
Die Nachtschichten bringen mich noch um. Um 2 Uhr morgens gingen die letzten Gäste, ich rechnete ab und freute mich auf das kuschelige Bett. Mein schwuler Mitarbeiter hing schon seit Stunden am Telefon, plante die restliche Nacht.
Auf dem Handy leuchtete ein SMS. „Wir sind noch unterwegs, kommst du nach?“ „Ein Glaserl Wein geht schon“, dachte ich mir und machte mich auf den Weg. Die drei waren schon etwas angeduselt. „Wow hast du schon wieder einen neuen Hut?“ fragte Luisa. Ihr Rottweiler lag unter dem Tisch und langweilte sich hinter seinem Maulkorb. Ich nickte. „Andere Frauen haben zu viele Schuhe du hast eindeutig zu viele Hüte“, grinste sie. „Ah, ich muss doch mein fehlendes Liebesleben mit etwas kompensieren.“ Hans der Kellner deutete mir ob ich das Übliche will. Eh klar.
„Was tut sich?“ fragte ich. Luisa zuckte mit den Schultern und Bea schüttelte nur den Kopf. Ein eindeutiges Zeichen, dass etwas passiert ist. „Was?“ forderte ich ein. „Ah, wir haben heute deinen Ex gesehen“, spuckte Luisa es aus, kraulte den Rottweiler am Kopf. „Und?“
„Na, er war nicht allein.“
„Mit wem war er den?“
„Mit dieser Tussi.“
„Tussi?“
„Na, du weißt schon, dem Besenstiel.“
Besenstiel war das Codewort für die Geliebte meines Ex. Über ein Jahr lang hatte er vergessen mir zu sagen, dass er mit ihr schlief. Bis eines Tages ein Anruf kam. Unbekannte Nummer. Ich hob trotzdem ab. „Dein Freund küsst die Jenny im Auto, gleich beim Internetcafe um die Ecke“, sagte eine weibliche Stimme. Ich warf das Handy weg und rannte los. Die Stufen rauf, um die Ecke und tatsächlich, da saß er in seinem blauen Toyota und küsste eine Frau. Ich ging zurück ins Lokal. Tat als sei nichts passiert. War höflich zu den Gästen, nett zu meinen Mitarbeitern, bis es Zeit war nach Hause zu gehen. Im vierten Stock, vor meiner Wohnung verwandelte sich die Sprachlosigkeit in unglaubliche Wut. Ich brüllte ihn an bis ich heiser war und die ganze Geschichte gehört hatte. Selbstredend war es meine Schuld, „du hast dich ja nur mehr um das Lokal gekümmert und nicht mehr um mich, blablabla, ..“
„Wie lange geht das schon?“ fragte ich schließlich.
„Seit einem Jahr!“
„Fein, pack deinen Koffer und ab mit dir“, sagte ich.
Es dauerte fast drei Monate bis er auszog.
„Und was ist mit den beiden, immer noch glücklich verliebt?“ triefte ich vor Bösartigkeit. Ich gierte nach wilden Geschichten über unüberwindbaren Beziehungsproblemen.
„Sie haben geheiratet“, flüsterte Bea.
„Das gibt es doch nicht!“ schrie ich. Hans und die anderen Gäste schauten mich fragend an.
„Das ist jetzt der Dritte!“ rechnete ich schnell nach.
In meinem Leben hatte ich drei ernsthafte Beziehungen und all drei haben innerhalb von einem Jahr nach der Trennung von mir geheiratet. Einer wohnt mit seiner Hippiefrau und drei Kleinkindern in einem Indianerzelt im Garten der Schwiegereltern. Der Zweite hat eine Powerfrau geheiratet und hütet den Sohn in der Luxuswohnung. Der Dritte hat sich jetzt mit dem Besenstiel vermählt.
Was bin ich? Ein Sprungbrett zur Ehe mit anderen Frauen?
Ex die Zweite
Ich suhlte mich im Selbstmitleid. Das Spiegelbild im Badezimmer zeigte mir das Gesicht einer 38jährigen mit kurzen roten Haaren und leichten Fettwülsten die über die Trainingshose hängen. Ich stellte mich auf die Waage, nur um mir die Zahl zum Hüftspeck geben zu lassen. Es machte meinen Tag nicht besser.
Miesmutig ging ich ins Lokal. „Eine neue Kellnerin wartet im Extrazimmer auf dich“, sagte mein schwuler Restaurantleiter. Eigentlich stell ich lieber Männer an, die habe keine Migräne und Regelbeschwerden. Ich machte mir einen Grossen Schwarzen, nahm die Zigaretten und ging ins kalte Extrazimmer. Wir plauderten eine Weile und Gabriella hatte mich schnell überzeugt, dass sie unbedingt bei uns arbeiten muss. Sie füllte den Fragebogen aus. „Ah, du warst auf Saison in Lech letztes Jahr“, sagte ich. „Ja und eigentlich wollte ich dieses Jahr wieder gehen, aber ich bin wieder mit meinem Ex zusammen gekommen und wollte in Wien bleiben.“
„Wollte?“
„Ja, weil wir uns wieder getrennt haben.“
„Aha. Die Saison in Lech hat doch noch nicht angefangen.“
„Ja, ich überlege eh ob ich hingehen soll.“
„Du bist gerade umgezogen, nehme ich an, und willst die Wohnung schon wieder aufgeben?“
„Nein ich bin nicht umgezogen, wir wohnen noch immer zusammen.“
„Du wohnst mit deinem Ex zusammen?“ staunte ich.
„Ja, wir streiten und dann vögeln wir.“
„Echt?“
Gabriella nickte.
„Liebst du ihn noch?“
„Keine Ahnung. Aber wir haben vor langer Zeit geheiratet, uns vor zwei Jahren scheiden lassen und sind dann wieder zusammen gekommen, zusammen gezogen und jetzt haben wir uns wieder getrennt.“
„Egal was du tust, bei uns bist du aufs herzlichste willkommen.“
Die Girls kamen zum Mittagessen. Ich erzählte von Gabriella und Beate konnte noch eines drauf setzen. „Viel schlimmer ist es für Tanja, einer Bekannten von mir, die lebt auch mit ihrem Ex zusammen und jedes mal wenn er ihr eins auswischen will, bringt er eine Frau mit nach Hause, und lässt Tanja ‚zuhören’. Inzwischen traut sie sich gar nichts mehr zu sagen.“
„Warum zieht sie nicht aus?“
„Es ist ihre Wohnung, super deal, 120 Quadratmeter, mitten im 8ten Bezirk für knappe 700 Euro.“
„Warum schmeißt sie ihn nicht raus?“
„Hat sie ja probiert, aber er geht nicht.“
„Wie, der geht nicht?“
„Er weigert sich einfach.“
„Warum stellt sie seine Sachen nicht vor die Tür und lässt die Schlösser austauschen?“
Beate schaute mich mit ihrem mitleidig/wissenden Blick an, „wie lange hast du mit deinem Ex nach der Trennung noch zusammen gewohnt?“ fügte sie hinzu. Der Pfeil ging ins Schwarze. Volltreffer.
Luisa lehnte sich zurück und sagte, „wieso nimmt sie keinen Mann mit nach Hause?“
„Gute Frage“, sinnierte Beate und rief sofort Tanja an.
Tanja ist Sozialarbeiterin und ist eine jener Stützen der Gesellschaft, die meine absolute Hochachtung haben.
Beate erwischte sie in ihrer Mittagspause. Ohne Umschweife fragte sie Tanja warum sie keine Männer mit nach Hause nimmt. Mir war das peinlich. „Weil ich die Nase voll hab von den Männern“, antwortete sie. „Aber er bringt die Frauen reihenweise nach Hause und du leidest, du musst was dagegen tun.“ „Ich weiß“, sagte sie, es klang selbst über den stimmenverzerrenden Lautsprecher mutlos. „Willst du deinen Ex aus der Wohnung haben?“ fragte Beate. „Ja, das will ich!“ kam es jetzt sehr bestimmt. Ich sah in Beates Gesicht den Ausdruck von absolutem Willen. Und dem entkommt niemand. „Keine Sorge, wir kümmern uns drum“, sagte Beate, „hast du heute Abend Zeit?“ „Nein, aber morgen.“
„Gut, wir treffen uns bei Singleline im Lokal um 8.00 Uhr abends.“ Beate legte auf und schaute uns fordernd an. „Wir brauchen einen Plan!“ diktierte sie. Wir nickten nur brav. „Ich muss jetzt wieder zur Arbeit. Wir sehen uns morgen Abend.“
Ich fühlte mich ein bisserl verloren. Stand fast alleine im Lokal. Die Mittagsgäste waren wieder an ihren Schreibtischen und meiner schrie ganz laut nach mir. Berge von Papier wollten bearbeitet werden. Miesmutig ging ich in mein Kammerl und sperrte mich ein. Den ganzen restlichen Tag ließ mich das Selbstmitleid nicht los.
„Wieso hatte Beate damals bei meinem Drama keine Pläne zu meiner Rettung entwickelt?“
Untreue Väter
Es wurmte mich so sehr, dass ich Beate anrief. „Sag mal, warum hast du keinen Rettungsring für mich geworfen?“ fragte ich. „Von was redest du?“ schoss sie zurück. „Na, wie ich mein Trennungsdrama hatte, hast du nie die Girls zusammengerufen um mir zu helfen.“
„Weib!“ schrie sie in Handy, „du wolltest nicht gerettet werden! Erinnere dich, du hast fast dein Lokal in Grund und Boden gewirtschaftet weil du nie mehr dort warst, immer auf irgendwelchen „Seelenwellness-Events“ rumgeturnt hast und mit niemanden mehr geredet! Sogar deine Handynummer geändert und deine Emailadresse.“
„Ups, hatte ich ganz vergessen.“
„Gut, wir sehen uns am Abend!“ keifte sie.
Da stand ich wieder vor dem „Tell-all-Spiegel“ und fragte mich warum noch niemand einen lügenden Spiegel erfunden hat. Der einfach die Fettpolster und Falten wegzaubert. Mein Handy läutete. Papa war dran. „Was gibt’s?“ fragte ich. „Ach, es ist bloß, du hast uns schon so lange nicht mehr besucht und deinen Mann hab ich schon ewig nicht mehr gesehen.“ Es dämmerte mir, ich hatte es ihnen noch gar nicht gesagt. Irgendwie vergessen oder verdrängt. „Wann kommt ihr uns besuchen?“ fragte er. Das war natürlich keine Frage, sondern eine gezielte Aufforderung. „Okay, ich komm noch heute, wenn es recht ist.“
„Schön, wann soll ich dich vom Zug abholen?“
„Bin um 13.00 Uhr am Bahnhof.“
Papa stand wie immer voll durch gestylt am Bahnhof und taxierte mich von oben bis unten. Falls ich jemals mit den gleichen Klamotten aufgetaucht wäre, würde er sofort fragen ob das Geschäft nicht gut geht, weil ich „schon wieder das Gleiche trage“. In all den Jahren hat mich diese Frage haufenweise Geld gekostet, weil ich mich nie genau erinnern konnte, was ich beim letzten Besuch an hatte und mich so immer neu einkleiden musste vor dem Besuch. Heute hatte ich mich für weiße Hose von Rieger, mit leichtem weißem Rollkragenleiberl von H&M und Heels entschieden. „Gut schaust aus“, sagte er. Ich atmete wieder, gut das hab ich also noch nie angehabt. D.h. er braucht sich keine Sorgen um mein Geschäft machen und ich nicht seine guten Ratschläge anhören. Aus welchem Grund auch immer, Papa glaubt er ist der absolute Spezialist am Wiener Schnitzel Gourmetmarkt.
Wir spazierten in den wunderschönen Oktobertag hinaus. Er lud mich zum Mittagessen ein. Ich fragte wo Mama sei. „Zu Hause, es geht ihr nicht gut.“
„Was hat sie den?“ fragte ich. Wunderte mich, weil sie mich normalerweise sofort anruft, wenn es irgendwo zwickt und mir haargenau erzählt was der Doktor gesagt hat, wie die Apothekerin reagiert hat und was ihre beste Freundin dazu zu meint.
„Wie geht es deinem Mann? Und warum hast du ihn nicht mitgebracht?“ fragte Papa.
„Nun, ahm, also, es ist so“, stammelte ich herum, „wir haben uns getrennt.“
„Was?“ schrie er.
„Ja.“
„Nach all den Jahren? Was ist den passiert?“
„Wir haben uns auseinander gelebt.“
„Ihr Frauen heutzutage!“
„Was soll das den heißen?“
„Na, glaubst du deine Mutter und ich haben es immer leicht gehabt?“
„Nein.“
„Und haben wir unsere Beziehung hingeschmissen, oder dran gearbeitet?“
„Gearbeitet“, log ich, wissend, das man sich in der Kleinstadt nicht einfach scheiden lässt. Wegen dem Gerede eben.
„Also was ist wirklich passiert?“
„Er hat eine Neue“, gestand ich und hat sie auch schon geheiratet.
„Siehst du, du hättest ihn heiraten sollen! Die hat es richtig gemacht, gleich Nägel mit Köpfen, nix mit einfach zusammenwohnen. Du und deine pseudoliberalen Ideen. Zusammenwohnen schon, aber Fremdgehen nicht! Tochter du musst dich entscheiden.“
„Was willst du damit sagen?“ fragte ich.
„Gar nichts.“
„Das ist gelogen. Wie heißt sie diesmal?“
„Frau Dr. Hofer. Und was heißt diesmal?“
„Dad!“
„Was?“
„Kannst du dich erinnern wie wir auf der Kreuzfahrt waren?“
„Das ist ewig her.“
„Ja, ich war heiße 15 Jahre alt.“
„Und du erinnerst dich noch?“
„Ja sicher. War immerhin meine erste Beobachtung eines Untreuefalles.“
„Hast nie was gesagt.“
„Wieso auch, geht mich doch nichts an.“
„Stimmt.“
Papa hat in den letzten Jahren immer wieder Affären gehabt, sie kamen und gingen. Aber war diese Frau Dr. Hofer etwas Ernstes? Hatte mein 69jähriger Vater tatsächlich vor meine Mutter zu verlassen?
Er antwortete nicht darauf sondern redete von der schwindenden Qualität des Schnitzels beim Stammwirten.
Am Abend saß ich geschlaucht neben den Mädels, wir hatten immer noch keinen Plan, nuckelten lustlos am Blaufränkischen und harrten der Dinge. Die Tür ging auf und Tanja trat auf. Breit grinsend, sehr glücklich und voller Energie. Noch bevor sie sich hinsetzte, gestand sie, dass „wieder alles in bester Ordnung sei, wir haben uns wieder versöhnt, und die Hochzeitsglocken würden wie geplant am 3. November läuten. Also keine Notwendigkeit eines Eingriffs des „Single-Attack-Teams“. Ich war froh für sie und für mich, dass ich nach Hause gehen kann.
Der Kernöl-Schwarzhändler
Mein steirischer Kernöl-Schwarzhändler stand vor mir. In langen zähen Kämpfen mit meinem Küchenchef hab ich ausgefochten, dass wir nicht das billige Kürbiskernöl vom Großhändler kaufen, sondern den richtig dicken Diesel aus der unteren Steiermark. Sein Argument war der Preis meines die Qualität. Wir einigten uns auf dickes kostenguenstiges Diesel und so fand ich meinen Schwarzhändler.
Nur heute sah er sehr zerstört aus. Sofort fürchtete ich, dass meine illegalen Tätigkeiten auffliegen könnten oder noch schlimmer das meine Quelle zur besten Salatdressing versiegen könnte. „Setzt dich hin, magst Kaffee? Was zu essen? Du siehst grauenvoll aus“, kümmerte ich mich um das tiefsteirische Mannsbild. Er ließ sich auf den Stuhl fallen, er knarrte verdächtig. „Was ist den passiert?“ fragte ich. „Ach, ich hab einen Riesenscheiβ gebaut“, gestand er. Mein schwuler Mitarbeiter, Toni, brachte den Grossen Braunen und zündete ihm eine Zigarette an, hielt sie ihm hin, dankbar nahm er sie. Soviel (nicht ganz ehrliche) Fürsorge rührte ihn. Toni wollte nur die Geschichte hören weil im fad war, und mir ging es um das Kernöl.
„Ihr wisst dass ich bei meiner Mama wohne und dass meine Schwester gleich nebenan mit ihrem Mann haust“, begann er seine Erzählung. Wir nickten. „In der Beziehung meiner Schwester kriselt es gewaltig. Also hab ich mir gedacht, ich nehme Erik mit auf eine meiner Dienstreisen. Wisst schon, Kernöl in der Südsteiermark holen und dann in Wien umverteilen. Während der Fahrt hat er mir die ganze Zeit die Ohren voll geheult. Meine Schwester das, meine Schwester dies. Ich verstand ihn schon. Ganz einfach ist das sicher nicht so nah an meiner Familie eine eigene zu gründen zu wollen. Nachdem ich all das Kernöl ausgeliefert hatte, schlug er vor über Nacht in Wien zu bleiben, ausgehen, die gekränkte Seele in überteuerten Wodka ersäufen und vielleicht jemanden aufreißen.
Okay, das machten wir. Gegen 1 Uhr morgens gingen wir zurück ins Hotel, irgendwas war bei der Reservierung schief gelaufen und wir kriegten ein Doppelzimmer mit Ehebett. Und wir vögelten die restliche Nacht.
Großer Kater am nächsten Morgen. Wodkabedingt und „vögelbedingt“. Wir hatten keine Ahnung was wir jetzt tun sollten. Also sagte ich, „lassen wir es dabei, reden nicht mehr drüber, tun so als sei es ein One-Night-Stand gewesen. Er meinte, das sei okay. War es aber nicht. Zuerst hat er es meiner Schwester erzählt und dann meiner Mama und jetzt will keiner mehr was mit mir zu tun haben, weil ich angeblich seine Ehe zerstört habe. Und er will mit mir zusammenziehen.“ Toni kratzte sich so intensiv am Ohr, das es zu bluten begann. „Oh mein Gott“, rief der Kernölschwarzhändler, „wo ist der Verbandskasten?“ Toni und er verzogen sich in die Küche um die Wunde zu verpflastern. Ich nahm das Kernöl und versteckte es in meinem Kammerl. Wer weiß ob nicht meine Quelle bald versiegt.
Wie Tanja sich wieder versöhnte
„Du bist ja vorgestern so früh gegangen, dass du gar nicht gehört hast wie sich Tanja versöhnt hat!“ flötete Beate ins Handy, „Hast du Zeit, dann komm ich vorbei und erzähle es dir.“ Ich hatte die Wahl zwischen Buchhaltung und Story. Ich nahm die Story.
Beate stürmte das Lokal zehn Minuten später. „Wow was ist den mit dir passiert?“ fragte ich. Sie sah großartig aus. Weiße Leggins über spitzen Heels, einen karierten Rock und dicken weißen Strickpullover. „Ah, du weißt schon, manchmal muss ich halt“, wischte sie das Thema von sich. „Du hast ein Date?“ fragte ich. „Ja, hab ich und er ist megasüss.“
Wir setzten uns in die Nische und sie legte los. Toni mit dem dicken Verband am Ohr stellte sich zu uns. Ich wunderte mich wieder, ob ich ihn zum Geschichten zuhören zahle oder zum Kellnern. „Lass die Hand vom Ohr“, befahl ich ihm. Artig verschränkte er die Arme hinter seinem breiten Rücken.
„Das glaubst du nicht!“ begann Beate, „das ist so unglaublich, das ist wie aus einem Pornofilm. Ach Toni, könntest du mir ein Glaserl vom Nigl holen?“ Miesmutig schlich er davon, drehte sich um und rief, „fang ja nicht an, bevor ich wieder da bin.“ Beate versprach es. Er brachte gleich ein Viertel, weil Mann ja nichts Saftiges versäumen will.
„Also, Tanjas Mutter rief an und fragte sie ob sie das Hochzeitskleid schon abgeholt hat. Und das hatte sie vollkommen vergessen in all dem Drama. Sie setzte sich hin und dachte nach. Erinnerte sich plötzlich an all die guten Seiten in ihrer Beziehung, den Spaß den sie miteinander hatten, den guten Sex und die vielen kleinen Dinge eben. Sie beschloss ihn am 03.11. wie geplant zu heiraten. Zuerst ging sie zum Spartacus auf der Mariahilferstrasse und kaufte sich ein Latexoutfit samt Peitsche und einen gewaltigen Strap-on-Vibrator. Ich schwöre dir, das Ding ist riesig und vibriert so schnell, das man Sahne damit steif schlagen kann. Dann konfiszierte sie sein Handy, während er sich im Bade suhlte. Ging durch die letzten Nachrichten und fand raus, dass er eine gewisse Martha am gleichen Abend treffen wird. Aus den SMS ging eindeutig hervor, das schon mal gevögelt wurde, und das das heutige Treffen wieder den gleichen Ausgang haben wird. Ihr Ex ging. Traf offensichtlich diese Martha. Tanja zog sich das Outfit an, schluckte drei große Schnapserln und legte sich in sein Bett. Gegen 1 Uhr morgens kam er mit Martha nach Hause. Wie üblich war er sehr laut, nur um sicherzustellen, das Tanja auch weiß, dass er mit Frauenbegleitung nach Hause gekommen ist. Der Ex machte seine Zimmertür auf und da lag sie. Haare mit Gel zurück gekämmt, lange rote Fingernägel, ihren Körper in schimmerndes Latex verpackt, die Nippel mit Ringen und den gewaltigen Vibrator umgeschnallt. Die Peitsche in der Hand. Martha schrie. Der Ex schrie und Tanja deutete ihm mit dem Mittelfinger näher zu kommen. Er drehte sich um, packte Martha und rannte aus der Wohnung. Tanja dachte ihr Plan hätte fehlgeschlagen und trank den restlichen Schnaps aus. Und kam auf die glorreiche Idee sich in seinem Schrank zu verstecken. Er kam wieder, ging alleine ins Bett. Tanja wartete bis er eingeschlafen war und wollte dann ganz geheim aus dem Schrank entfliehen, bloß flog sie über seine Schuhe. Er wachte auf. Rieb sich die Augen und sagte, „wenn ich gewusst hätte, dass du auf Latex stehst, hätte ich meine „Spielzeugbox“ nie verstecken müssen. Die restliche Nacht durchforsteten sie seine Toybox und lachten wieder miteinander und anderes.“
Ich konnte es nicht glauben. Toni war erstarrt. „Und am Samstag heiraten sie.“
„In Latex?“ fragte Toni.
„Nein, in weiß“, schoss Beate zurück, „und ich muss jetzt los, zu meinem Date! Ah – da ist deine Einladung zur Hochzeit.“
Fat lady tells it all
Papa wartete schon ungeduldig am Bahnhof. Betrachtete wieder mein Outfit. Heute war ich in schwarz, schließlich hatten wir die alljährliche „Gräbertour“ vor uns. Im Kofferraum des 3er BMWs Cabrio – mit Hardtop, das sich in nur 23 Sekunden per Knopfdruck auf der Mittelkonsole schließt – stapelten sich die roten Grablichter und daneben standen Erikastöcke. Frau Dr. Hofer wurde mit keinem Wort erwähnt. Das Thema warum Mama schon wieder nicht mitkommt vollkommen ausgespart und ich unterhielt ihn mit meinen „Gasthausgeschichten“.
Als ich gegen 18 Uhr wieder in den Zug stieg, war ich fertig mit der Welt. Die Trennung, das Geschäft, die Eltern hatten meine Kräfte ausgesaugt und ich freute mich auf 2 Stunden mit mir, der Wienerin und dem IPod. Nicht reden zu müssen und niemand zuhören zu müssen schien mir das Paradies. Ich wanderte die Abteile entlang und die waren proppevoll. Bis ich zu einem kam, in dem nur eine unglaublich hässliche und fette Frau saß. Pocken haben ihr Gesicht zerstört, übermäßiger Alkoholgenuss hatte ihre Nase clownrot gefärbt und der Busen lag auf der Wampe. „Ah, da geh ich rein, da setzt sich niemand sonst dazu“, dachte ich mir und hatte Recht. Nur hatte ich nicht mit der ÖBB gerechnet. Normalerweise dauert die Fahrt zwei Stunden, drei Stopps und ich bin in Wien. Doch dieser Zug hielt an jeder sprichwörtlichen Milchkanne. Der Schaffner sagte nichts durch den Lautsprecher und schließlich fragte ich meine Mitreisende was den hier los sei. „Ah, ein Regionalzug ist kaputt geworden und da haben sie einen Wagon mit derer Passagiere angehängt, die laden sie jetzt aus“, sagte sie freudig und war von dem Moment an nicht mehr zu stoppen.
„Ich bin noch vor dem Krieg geboren worden, und den Papa haben sie eingezogen, dann war er in Gefangenschaft, als er wieder heim kam, machte er sofort neue Kinder mit meiner Mama, weil wir waren schon zu groß und er hatte keinen Bezug zu uns. Deshalb sag ich immer, dass man Kinder in keinem zu langen Zeitabstand kriegen muss. Ich hatte meine vier Kinder in vier Jahren. (Hier folgte eine genaue Beschreibung aller ihrer Kinder – drei Mädchen, ein Bub – der ich nicht ganz folgen konnte). Vor ein paar Jahren ging mein Mann dann in Pension. Er hatte diesen Traum im Waldviertel zu wohnen, wegen der vielen Sonne und mietete einen alten Hof. Ich wollte dort nicht hinziehen. Schlug ihm einen Kompromiss vor: Sommer im Waldviertel, Winter in Wien. Damit ich zu meinen Konzerten gehen kann. Das wollte er nicht. Also ist er alleine ins Waldviertel gezogen und ich hab mir die Wohnung in Wien behalten. Jetzt hält er es nicht mehr aus in der Einöde, weil außer einer Tankstelle und einem Gasthaus gibt es dort nichts! Und fliegt am 15. November nach Thailand. Den ganzen Winter lang. Ich weiß ja auch nicht wie er auf die Idee kommt bei den Schlitzaugernden rumlungern zu müssen.“ Ich hatte da schon so meine Vorstellung. Petit thailändische Huren schlagen fette pockennarbige Ehefrau easy aus. Sagte aber natürlich nichts.
„Dabei ist er so geizig! Sonst gibt er nie einen Cent extra aus. Wenn er die Kinder in Salzburg besuchen fährt, muss ich mitfahren, ihn über die Bundesstrassen lotsen, weil er sich kein Autobahnpickerl kaufen will“, erzählte sie weiter.
„Er hat sie also nach 40 Jahren Ehe, nach vier Kindern und kaum in Pension verlassen?“ fragte ich.
„Ja hat er. Dieses kreuzkrumme Arschloch“, keifte sie.
Ich muss gestehen, ich konnte kein Mitleid für sie empfinden. Wäre ich ihr Mann gewesen ich wäre auch gerannt soweit ich hätte können. Thailand wäre mir noch zu nahe gewesen.
In Meidling verabschiedete ich mich schnell, als sie keinerlei Anstalten machte auszusteigen. Wurscht wie lange die U-Bahnfahrt nach Hause dauert, nur weg, dachte ich mir. Und schließlich, „arme Frau“. Ich gab ihr die Hand und ging. Nein, flüchtete.
Der Tag davor
„Was ziehst du zur Hochzeit an“, schrie Louis hysterisch ins Handy. „Keine Ahnung“, sagte ich, neben mir saß der Beamte vom Gesundheitsamt und erzählte mir von den seltsamen Bakterien die sich angeblich im Körper meines Sous chefs tummeln und das er von allen Angestellten Stuhlproben braucht. „Ich ruf dich gleich zurück“, herrschte ich sie an und legte auf. Vor mir wabberten Horrorbilder, das Lokal geschlossen, weil irgendwelche Bakterien all meine Angestellten ins Krankenhaus getrieben hat. Und die dann neben meinen kotzenden Ex-Gästen liegen dürfen. Die österreichische Bürokratie extra langsam arbeitet und mein Lokal zugesperrt hat. „Haben sie Flascherln dabei?“ flötete ich.
„Nein, die kriegen sie hier“, sagte er bestimmt.
„Oh Gott, das ist ja am Arsch der Welt“, entfuhr es mir. Er lächelte bemutternd. Ich hätte ich dreschen können. Ich rief meinen Lieblingstaxler an und befahl ihm dorthin zu fahren, 23 Scheiβprobenflaschen zu kaufen und sie sofort im Lokal abzuliefern. Cesar verstand erst nach der dritten genauen Erklärung. Er ist Columbianer, und sein Deutsch ist mieselsichtig und mein Spanisch kaum vorhanden.
„Sie können die Proben noch bis heute 15.00 Uhr im Labor abliefern, dann sollten wir die Testergebnisse am Dienstag nächster Woche haben“, sagte er. „ Ah, sorry, es ist Freitag 10.00 Uhr morgens und nicht alle meine Angestellten haben heute Dienst.“ Er lächelte mich mitleidig an. Jetzt schmiedete ich Mordpläne. Nix mehr mit Verprügeln. Er ging. Nicht ohne einen der Gutscheine für ein Glaserl Sekt einzustreifen. „Arschloch“, brüllte es in mir. Ich verschickte an all meine Angestellten ein SMS, das sie spätestens um 11.00 Uhr im Lokal und scheiβbereit sein müssen. Dann stürmte ich in die Küche. „Wo ist dieser verfluchte Souschef?“ schrie ich, „ich schwöre ich steck ihn in den Fleischwolf.“ „Er ist im Krankenhaus“, antwortete der Küchenchef. „Was hat er genau?“ keifte ich.
„Er hat sich vom Mexikourlaub ein Souvenir mitgebracht.“
Plötzlich dämmerte es mir. „Stimmt, er ist am Dienstag zurück gekommen, und hätte erst morgen wieder Dienst, das heisst er hat noch gar nicht gearbeitet“, fluesterte ich vor mich hin. Ich rief sofort den Gesundheitsamtheini an. Dem war das Wurscht. Die Maschinerie verlangte Stuhlproben und die wollte sie jetzt auch.
Mit ein bisserl Einfallsreichtum lieferten wir 23 Stuhlproben ab, weil ein paar meiner Angestellten waren nicht zum Gruppenscheiβen angetreten.
Um fünf Uhr Abends war ich so fertig, ich konnte kaum noch stehen. Am Handy leuchteten 17 unbeantwortete Anrufe von Louisa und Beate und Jasmin. Sie riefen zu einem last minute Shoppingtrip auf. Ich verweigerte. „Ich zieh das schwarze Samtkleid vom Rieger an, Heels dazu und aus“, sprach ich Louisa auf die Voicemail. Sofort rief sie zurück und schrie, „das hast du schon bei der letzten Hochzeit angehabt!“ Ich versuchte ihr meinen Tag zu erklären, aber sie hatte kein Mitleid. „In zehn Minuten beim Rieger auf der Mariahilferstrasse, ich steh doch nicht neben dir, wenn du den alten Fetzen an hast!“
Kein Entkommen.
Vier Frauen und ein Rottweiler standen in dem engen Lokal und wühlten sich durch die deckenhohen Kleiderständer. Die Verkäuferin versteckte sich eingeschüchtert hinter der winzigen Buddel. Der Rotti hielt sie von uns fern. Ich war ihm dankbar dafür, so entging ich dem „Verkaufsgespräch“.
Louisa suchte für mich ein Kleid aus, ich muss zugeben es ist fantastisch und kostete mich beinahe einen Tagesumsatz. Beate war sowieso komplett über drüber, wegen dem erfolgreichen Date. Jasmin heulte in der Umkleidekabine, weil Beate ihr kein Detail der letzten Nacht ersparte und ich wünschte mir ein Valium.
Die Hochzeit
Auf der Einladung stand: 16.00 Uhr in der Kaasgrabenkirche, "Maria Schmerzen". Ich schüttelte nur den Kopf. Wie kann man in einer käsigen Kirche die auch noch einen schmerzlichen Namen trägt heiraten. Das kann doch nur schief gehen. Ich plauderte weiter mit meiner Kaffeetasse und freute mich auf einen Vormittag mit mir, dem neuen Riegerkleid und dem weißen Samtmantel – dem ich nicht widerstehen konnte – etwas „Heimspa“ und Zeitung lesen. Dieses Gefühl dauerte exakt 10 Minuten, weil dann standen die Mädels, eine Friseurin und eine Make-up-Spezialistin in meinem unaufgeräumten Wohnzimmer. Louisa hatte beschlossen, das wir extra fab aussehen müssen, um all den möglichen Singlemännern zu gefallen. „Auf keine Hochzeit werden Singlemänner eingeladen“, widersprach ich. „Ist doch der reinste Aufmarsch von ‚happy couples’ und wir Singles werden irgendwo an den Ecktisch neben dem Kloeingang verpflanzt. „Das war einmal!“ rief Louisa. „Jetzt kann man sich durchaus einen Singlemann aufreißen.“ „Dein Wort in Gottes Ohr“, jammerte Jasmin. „Nicht heulen, das verschmiert das Make up“, keifte die Kosmetikerin.
Um 15.30 Uhr machte ich mich mit einem deutlich dünneren Geldbörsel aber glamour gestylt mit den Mädels auf den Weg zur Käsekirche mit den Schmerzen. Kurz vor 16.00 Uhr trafen wir ein und fanden eine vollkommen aufgelöste Braut vor der Kirche auf und ab tigern. „Das ist klassisch“, dachte ich mir, „die Braut am Altar stehen zu lassen und doch lieber mit Martha abtauchen.“ Beate umarmte sie und fragte was den los sei, „das glaubst du nicht!“ schniefte sie. „Zuerst geht das Auto seines Trauzeugen ein, irgendwo kurz nach Budapest, die Elektronik hat aufgegeben und er schafft es nicht zur Hochzeit, dann hat meine Trauzeugin angerufen und abgesagt, weil sie eine Lebensmittelvergiftung hat.“ „Habt ihr schon Ersatz?“ fragte ich. „Ja, ja, aber die müssen erst ihre Pässe von zu Hause holen, sie sind schon unterwegs“, weinte sie weiter. „Und um alles noch schlimmer zu machen findet mein zukünftiger Ehemann seine Smokinghosen nicht! Keine Ahnung wo die hin sind. Gestern waren sie noch da. Er ist jetzt zum Gil gefahren um neue zu kaufen, das war vor drei Stunden. Und sein Handy hebt er auch nicht ab!“
Eine sehr dicke Frau quälte sich aus einem schwarzen Mercedes. Sie hielt Hosen in der Hand, noch eingepackt in den Wäschereisack. „Das ist meine Schwiegermutter“, jammerte sie. „Wo hat sie die Hosen her?“ fragte ich. Die Schwiegermutter erklärte ganz cool, dass sie einen Spermafleck auf der Hose entdeckt hatte und der leuchtet ja bekanntlich im Discolicht auf, deshalb habe sie beschlossen sie noch express reinigen zu lassen. Wir schauten Tanja fragend an. „Ah wir haben nur ein bisserl Hochzeitsnacht geübt“, grinste sie. Doch der zukünftige Ehemann hob sein Handy immer noch nicht ab.
3 Minuten nach 16.00 Uhr kletterte ein ziemlich angesäuselter Bräutigam aus einem Taxi. Ich ging gleich in Deckung hinter einer Säule, doch in Hörweite. „Was in aller Welt hast du so lange getan?“ schrie die Braut ihn an. „Ich hab denen erzählt, dass meine Smokinghose verschwunden ist, und das ich eine neue brauche, und in drei Stunden heirate. Da haben sie eben ein paar Flaschen Sekt auf die Theke gestellt und während ich auf die Änderung wartete, sie war mir zu lang, haben wir ein paar gezwitschert“, grölte er.
Sie heirateten. Wir waren gerührt und schauten uns nach Singlemännern um. Ich hatte Recht gehabt, nix, nur „happy couples“. In unseren Outfits und so aufgetakelt passten wir überhaupt nicht in die Hochzeitsgesellschaft.
Nach der Zeremonie stolperte der Bräutigam über die aufgegangene Naht seiner neuen Hosen, er knallte mit dem Kopf gegen eine Kirchenbank und war bewusstlos. Wir fuhren nicht mit ins Krankenhaus.
Sex auf Krankenschein
Toni und ich saßen in der Nische und er bog sich vor lachen, als ich ihm von der Hochzeit erzählte. Gabrielle versorgte die wenigen Gäste. Sonntag später Nachmittag ist bei uns immer flau.
Gabriella setzte sich kurz zu uns. „Ich hab so Kopf weh, und mein Kreuz bringt mich um, hab die ganze letzte Nacht gekotzt“, klagte sie. „Bist du schwanger?“ fragte Toni. Sie schüttelte den Kopf, „hab gerade meine Regel gehabt.“ Die Geschäftsinhaberin in mir freute sich, weil Schwangere unkündbar sind und die Frau in mir sich um sie, sorgte „hast du Migräne?“
„Das hört sich ganz danach an“, sagte Toni.
„Willst du nach Hause gehen?“ fragte ich sie.
„Nein, ich bin so hyper wegen all der Schmerztabletten, wüsste nicht was ich zu Hause tun soll.“
„Trink viel Wasser“, schlug ich vor.
„Das hilft doch gar nix“, schnalzte Toni mit der Zunge, „das Einzige das hilft ist Sex.“
Er kratzte sich am Ohr. „Hast du regelmäßig Sex?“ fragte er Gabi.
„Du musst das nicht beantworten“, mischte ich mich ein.
„Nein hab ich nicht. Nur hie und da, wenn er es halt gar nicht mehr aushält“, flüsterte sie.
„Sie wohnt mir ihrem Ex zusammen“, erklärte ich.
„Oje“, erkannte Toni das Problem, „aber es ist das Einzige das hilft.“
Ich nickte zustimmend.
„Nicht das du jetzt auch noch Migräne kriegst“, blaffte er mich an, „weil du hast ja auch keinen Sex mehr, seit dein Ex geheiratet hat.“
„Mann/Frau sollte Sex auf Krankenschein kriegen!“ schloss Gabi und schaute wieder nach den Gästen.
„Gute Idee!“ freute ich mich, „einmal wöchentlich krieg ich einen Callboy von der SVA gestellt!“
„Die heiße Sau“
Gabi hatte w.o. gegeben. Ihr linkes Auge war vollkommen zugeschwollen und ich schickte sie zum Neurologen. Ich übernahm ihre Schicht. Das Lokal war gesteckt voll. Kurz vor Mitternacht hatte es sich jedoch auf wenige Tische reduziert. An einem saßen zwei Männer – einer eher „bochn“ mit zurückweichendem Haar und in Dreierreihen angelegten Schwimmreifen, der Zweite war der Traummann, grau-weiß meliertes, volles Haar betonte die „lebenserfahrenen“ Züge und die blauen Augen strahlten dazu – und eine sehr junge Frau. Nachdem sie gezahlt hatten, riefen sie mich nochmals zu ihrem Tisch. „Wir haben eine vielleicht etwas seltsame Frage für sie“, sagte der „Bochene“, „wir schreiben für Best, ein norwegisches Magazin und sind in Wien um über die Schwulen- und Lesbenszene zu berichten.“
Der Traummann flirtete eindeutig mit mir. Ich setzte mich an den Tisch und begann die einschlägigen Lokale aufzuzählen. Toni schlawanzelte die ganze Zeit um uns herum, mischte sich immer wieder in das Gespräch ein und flirtete mit meinem Traummann. Schließlich sagten sie, sie würden in das empfohlene Lokal gleich um die Ecke gehen. Wir verabschiedeten uns.
Toni und ich räumten den Tisch ab. Verträumt schob er den Sessel an den Tisch und sagte, „so eine geile Sau“. „Was?“ herrschte ich ihn an. „Der ist doch schwul“, erläuterte Toni. „Nein, ist er nicht. Er hat mit mir geflirtet.“ „So ein Käse, mit mir hat er geflirtet.“ In eisiger Stille rechneten wir ab. Stritt ich mich jetzt tatsächlich schon mit Homosexuellen um Männer?
„Lass uns noch auf ein Glaserl gehen“, schlug Toni vor.
„Gute Idee!“ stimmte ich zu.
Wir rannten beinahe zu dem Lokal. Es war getreten voll und wir ergatterten nur mehr einen Tisch direkt beim Eingang. Die kalte Novembernacht wabberte immer wieder herein. Wir bestellten und schauten uns um, entdeckten die drei im Gespräch mit dem Lokalbesitzer. Ungeduldig warteten wir. Tranken zu rasch und rauchten zu viel. Der Lokalbesitzer sah uns, winkte und kam auf uns zu, im Schlepptau mit den Dreien. „Singleline, bist du in unser Lager übergelaufen?“ schmähtandelte er. „Die Drei kennt ihr ja schon, danke dass ihr sie mir geschickt habt“, zwinkert er mir zu. „Passt schon“, sagte ich und dachte, „hau ab“. Das tat er auch, er hatte einen Prominenten entdeckt.
Eine seltsame Stille lag plötzlich da, und ich Plappermaul hatte nichts um sie aufzurollen. „Wie gefällt Euch Wien?“ fragte Toni den Traummann. „Gut, alle sind so hilfsbereit hier“, antwortete er und schaute Toni tief in die Augen. „Das gibt es doch nicht“, dachte ich mir und sagte: „Wie seid ihr auf Wien gekommen?“
„Na, wir haben in Holland geheiratet, das dritte mal und Bekannte erzählten uns von der fab Szene in Wien, da haben wir gedacht, wir könnten die Hochzeitsreise vom Magazin zahlen lassen. Kommt ja ganz schön teuer, wenn man jedes Mal in die Karibik reist, nur weil man wieder mal geheiratet hat.“
„Ihr habt das dritte mal geheiratet?“ staunte ich.
„Ja, weil er ist ständig untreu“, jammerte der Bochene, „aber jetzt hat er versprochen treu zu bleiben und deshalb hab ich mich nochmals mit ihm vermählt.“
Toni hob seine Nase so hoch in die Luft, Gott hätte sie berühren können. Sein Blick sagte, „siehst hab ich doch recht gehabt.“
„Schau nicht so entgeistert“, lachte der Traummann, „auch Schwule können mehrmals den gleichen Partner heiraten, das ist nicht nur euch Heteros vorbehalten.“
Am Heimweg dachte ich nur den typischen Heteroweibchengedanken: „Welch ein Verlust für die Frauenwelt.“
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